Heimatgeschichten – Aus dem Dietzhölztal nach Texas II

Teil 2 – Suche nach einer neuen Heimat

 Da für die neuen Siedler – darunter auch die Familien aus dem Dietzhölztal – in New Braunfels kein Patz mehr war, suchte John O. Meusebach, der gebürtige Dillenburger, nach einem neuen Siedlungsgebiet für die Deutschen. Er wählte das Gebiet nördlich des Pedernales River zwischen zwei Bachläufen (heute Barons Creek und Town Creek) als Siedlungsort aus.
Ungefähr Mitte Dezember 1845 schickte Meusebach eine Gruppe von 36 Männern zusammen mit drei fähigen Landvermessern, den Herren Bene, Groß und Murcheson, von New Braunfels aus auf eine wichtige Mission. Aufgabe der Gruppe war es, von New Braunfels aus einen Weg zu dem unbekannten Gebiet ungefähr 70 Meilen nordwestlich von New Braunfels zu finden. Sie sollten eine passierbare Route durch die Wildnis über mehrere Flüsse und Berge finden und so ausbauen, dass ein geplanter Siedlerzug diese Route auch mit schweren Wagen befahren konnte. Die Expedition, gut ausgerüstet mit Wagen, Werkzeugen, Lebensmitteln und Waffen, machte sich voller Tatendrang an die Erfüllung ihrer Aufgabe. Mit dabei war Daniel Arhelger aus Rittershausen. Nach ungefähr 3 Wochen voller Mühen und Strapazen erreichte die Expedition um Neujahr 1846 herum das neue Siedlungsgebiet.
Das erste Ziel bestand darin, ein vorläufiges Obdach zu errichten. Die Männer machten sich an den Bau eines Blockhauses. Doch schon bald gingen die Vorräte zur Neige. Da es in der Wildnis unmöglich war, genügend Nahrung zu finden, sah sich die Gruppe gezwungen, den Ort zu verlassen, ohne das Haus fertigstellen zu können. Bevor die Expedition umkehrte, ließ Herr Bene bei dem angefangenen Blockhaus ein Loch in die Erde graben und versteckte die Werkzeuge darin. Er bedeckte das Loch mit Erde und zündete ein großes Feuer an, um die Spuren zu verwischen. Das Versteck mit den wichtigen Werkzeugen sollte niemand finden. Der Plan war, bald wieder zurückzukommen und die Siedlung weiter auszubauen.

 Auf dem Heimweg hatte Daniel Arhelger einen schweren Unfall. Er wurde von einer Kugel aus seinem eigenen Gewehr getroffen.
Der Anführer der Gruppe, Herr Bene, hatte den Männern stets geraten, die Gewehre auf den Wagen griffbereit zu halten, um bei Begegnungen mit Indianern gewappnet zu sein. Leider war der Rittershäuser unvorsichtig. Als Daniel sein Gewehr herausziehen wollte, löste sich plötzlich eine Kugel und traf ihn am rechten Arm. Die Kugel trat am Handgelenk ein und am Ellbogen wieder heraus. Er verlor viel Blut und hatte starke Schmerzen.
Mitte Februar 1846 trafen die Männer zusammen mit dem schwer verletzten Daniel Arhelger wieder in New Braunfels ein. Doktor Köster behandelte ihn in den folgenden Tagen.

Erbautes Blockhaus der ersten Expedition
Kutschwaagen einer Siedlerfamilie

Die Expeditionsteilnehmer berichteten den in New Braunfels zurück gebliebenen Familien stolz in allen Einzelheiten über ihre Erlebnisse und über das neue Gebiet. Alle wollten möglichst bald dorthin weiterziehen. Doch Doktor Köster untersagte dem verwundeten Daniel Arhelger an diesem Zug teilzunehmen.

Der erste Siedlerzug sollte am 23. April 1846 aufbrechen. Die Beamten des Mainzer Adelsvereins wählten ungefähr 120 Männer, Frauen und Kinder, aus, die mitziehen durften. Mit dabei waren die Familie Arhelger aus Rittershausen, allerdings ohne den verletzten Daniel, und die Familie Strackbein/Eckhard aus Frohnhausen und Steinbrücken. Der Zug bestand aus ungefähr 20 mit Ochsen bespannten Wagen und weiteren zweirädrigen Karren, die von den Menschen gezogen wurden. 8 Soldaten des Adelsvereins begleiten den Zug um die Siedler vor den Gefahren durch wilde Tiere und Eingeborene zu beschützen. Die zurückbleibenden Verwandten und Freunde wünschten ihnen Glück und Segen.

Die Reise war äußerst beschwerlich. An manchen Stellen war der Weg so sumpfig und unpassierbar, dass die Emigranten gezwungen waren, Steine zu sammeln und Dämme aufzuschütten, um die Passage für die Wagen befahrbar zu machen. Da auch die Ochsen nur langsam vorankamen, dauerte es insgesamt 16 Tage, bis der Zug endlich das neue Ziel erreichte.
Das letzte Lager der Siedler befand sich auf einer kleinen Anhöhe auf der Südseite des Flusses Pedernales. Als der Zug am letzten Morgen Richtung Fluss fuhr, tauchte plötzlich eine große Gruppe von friedlichen Delaware-Indianern auf, die dem Zug freundlich entgegen kamen. Leider verstanden die Siedler die Sprache der Indianer nicht. Sie konnten sich nur durch Zeichen verständigen. Die Deutschen zogen weiter und kamen kurz darauf in Sichtweite eines großen Indianerlagers mit Wigwams. Diese unbekannte Situation versetzte die Siedler in Angst und Schrecken, besonders die Frauen und Kinder.
Trotzdem zog die Gruppe mutig weiter und wollte auf dem schnellsten Weg den neuen Siedlungsplatz erreichen. Der kürzeste Weg führte durch den Fluss. Als die Spitze des Zuges den Fluss passierte, fiel plötzlich ein Schuss. Die Siedler hörten einen Hilfeschrei. Die Menschen im hinteren Teil der Karawane gerieten in Panik. Da sie erst vor kurzem das Indianerlager passiert hatten, dachten sie an einen Indianerüberfall. Die Indianer waren ihnen zahlenmäßig weit überlegen und hätten den Deutschen ernsthaft gefährlich werden können. Aber dann stellte sich heraus, dass einer der Begleitsoldaten, Johannes Schmidt, mit seinem Gewehr einen Bären erlegt hatte. Der Jubel und die Erleichterung waren groß.

Siedlerzug in Texas (USA)

Eine überlieferte Anekdote über die Familie Strackbein, die sich bei diesem vermuteten Indianerüberfall ereignet haben soll:
„In einem der hinteren Wagen befand sich die damals 11-jährige Tochter des Herrn Heinrich Strackbein, die jetzige Frau John Durst, in Gesellschaft ihrer Mutter. Das Mädchen wußte, daß ihre Mutter Eier von Neu- Braunfels mitgenommen hatte, um dieselben in der neuen Ansiedlung von den mitgenommenen Hennen ausbrüten zu lassen . Das Kind hatte ebenfalls schreckliche Furcht, weil es wie alle Uebrigen glaubte, der Zug wäre am Pedernalesufer angefallen worden, und rief in seiner Angst: „ Ach, Mutter, Mutter, unsere schönen Eier! Hätten wir sie doch gestern Abend noch gegessen! „

Nachdem die Wagen den Pedernales durchquert hatten, fiel erneut ein Schuss. Wieder kam bei den Siedlern Angst auf. Jetzt stellte sich heraus, dass der Vereinssoldat Conrad Merz, seinem Auftrag, die Gruppe zu beschützen nachgekommen war und einen gefährlichen Panther erlegt hatte. Der Panther hatte trotz Kugel noch versucht, den Jäger anzuspringen, fiel zum Glück aber dann tot um.